Glaubensimpulse
Die kleine Kanzel
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Alle Jahre wieder wird gestöhnt über die Weihnachtshektik. Alle Jahre wieder hastet man, meist vergeblich, nach Besinnlichkeit. Und wenn wir uns dann wieder einmal abgehetzt und gestresst in den Heiligen Abend geflüchtet haben, und völlig geschafft in den Sessel fallen, was dann? Ist dann etwa Weihnachten kaputt? Gehört die besinnliche Ruhe, jene vorweihnachtliche Stimmung à la „sinnend geh ich durch die Gassen, still erleuchtet jedes Haus…“, denn wirklich zum Weihnachtsfest?
Wie war das denn damals, als Jesus auf die Welt kam? Da war nicht viel von romantischer Besinnlichkeit, kein „Leise rieselt der Schnee…“Im Gegenteil, Hass lag in der Luft, Militärkontrollen überall, hektische und unruhige Zeiten waren das. Jüdische Terroristen standen gegen römische Besatzungstruppen. Die Straßen waren unsicher, besonders nach Einbruch der Dunkelheit. Und Maria und Josef irgendwo dazwischen; sie fanden keinen Raum in Bethlehem, mussten in einem ungemütlichen, ganz und gar nicht besinnlichen Loch hausen – Hartz 4 und eine Zentralheizung wären ihnen eine Wohltat gewesen.
Jesus wurde in eine arme und kaputte Welt hineingeboren, in ärmliche Verhältnisse. Da war nichts von Romantik und Tannenduft, kein friedlich verschneites Bergdorf. Auch der schmachtende Traum des Schriftstellers Werner Bergengruen blieb unerfüllt: „Kindchen, ach, wärst du doch im Kaschubenland geboren. Wir hätten aber…“
Nein, Gott lässt seinen einzigartigen Sohn sehr einfach und sehr schlicht zur Welt kommen, für manch ein Gemüt vielleicht ein wenig zu primitiv, dafür mitten hinein in unsere Nöte und Sorgen, mitten hinein in unsere Unruhe und Hektik. So war das also gemeint mit der Geburt des Gottessohnes. Er sollte hineinkommen in menschliche Probleme und Schuld. Das war von Anfang an seine Sendung, seine große Mission.
Und da sollten wir etwa anfangen,
krampfhaft auf Besinnlichkeit zu machen? Heile Welt und gute Stimmung erzeugen?
Weihnachtslieder dudeln bis zum Abwinken? Sinnleere in Glühwein ertränken? Nein,
das kann nicht sein. Schließlich kam Jesus nicht in diese Welt, damit Menschen ihre
Probleme verniedlichen und schön reden? Das passt nicht zu
Jesus und das passt auch nicht zu Weihnachten. Die geweihte Nacht, das ist die
Zeit der Wahrheit; der Augenblick ehrlicher Analyse.
Unsere wahren Probleme, und die unserer Mitmenschen, sind doch nicht die hektischen Vorweihnachtstage. Unser Problem sind wir selbst. Wir tragen unsere Sorgen und Bitterkeiten mit uns herum. Gerade die will Jesus uns abnehmen, will uns nahe kommen, damit es in unserem Leben weihnachtlich hell werde. Dann haben wir auch guten Grund uns zu freuen und zu feiern – ob besinnlich oder gestresst, das ist dann egal.
Joost Reinke

